Oberösterreichische Landesaustellung 2010, Schloss Parz (Grieskirchen)
Mit der Entdeckung der Neuen Welt beginnt auch in Europa eine Epoche des Aufbruchs. Ausgehend von einer Rückbesinnung auf antike Traditionen und Werte, bringt sie vor allem zahlreiche Errungenschaften in Kunst, Wissenschaft und Technik mit sich.
Diese Epoche, heute als Renaissance bezeichnet, bedeutet für die Menschen aber auch einen grundlegenden Wandel gesellschaftlicher Werte. Der Abkehr vom geozentrischen und der Hinwendung zum heliozentrischen Weltbild folgt im Bereich der Religion des Entstehens der Reformationsbewegung durch die Lehren Martin Luthers.
Wenn auch Renaissance und Reformation nicht allerorts so deutlich sichtbare Spuren hinterlassen haben wie in anderen Ländern Europas, war diese Epoche für die Kultur- und Mentalitätsgeschichte des Landes ob der Enns doch über viele Jahrhunderte von prägender Bedeutung.
Die diesjährige oberösterreichische Landesaustellung auf Schloss Parz, mit der Evangelischen Kirche als Partner, versucht unter dem prägnanten Titel „Renaissance und Reformation“ die Spuren, die diese Zeit bis heute in unserem Lande hinterlassen hat, nachzuzeichnen.
Basierend auf umfassender Recherche hat ein Team aus Wissenschaftern unzählige Exponate aus dem In- und Ausland in einer einzigartigen Ausstellung zusammengetragen. Vom Gestalter perfekt inszeniert, lassen diese Kostbarkeiten der heimischen Kulturgeschichte die Besucherinnen und Besucher das Lebensgefühl der Renaissance nachvollziehen und dokumentieren gleichzeitig den Werdegang und die Ziele der Reformation in Oberösterreich.
Der neu angelegte Renaissancegarten, entlang der Südseite des Schlosses Parz mit ihrem bedeutenden protestantischen Freskenzyklus, bietet allen Besucherinnen und Besucher eine ideale Gelegenheit für Ruhe, Entspannung und Mediation.
Es ist gelungen 620 Exponate aus über 15 Ländern zu exportieren.
Renaissance
1. Begriffe
Die Renaissance (frz.: Wiedergeburt) ist eine europäische Bewegung der Wiederbelebung antiker Kunst und Gedanken. Der Epochenbegriff wird von Zeitgenossen nicht benutzt; stattdessen „reformatio„. Im 19. Jahrhundert wird der Begriff „Renaissance“ in der französischen Kunstgeschichts-Betrachtung gebraucht, dann übertragen auf die Literatur.
2. Hintergründe
Die Renaissance ist die große gemeineuropäische Kulturepoche, die die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit umfasst. Sie überwindet das mittelalterliche Welt- und Menschenbild und die überkommene Staats- und Gesellschaftsordnung. An die Stelle des Autoritätsglaubens tritt der Geist kritischer Forschung; der Mensch wird zum Maß aller Dinge; die Staatsraison zum Prinzip der Politik.
Das Studium der antiken Literatur wird durch byzantinische Gelehrte angeregt, die als Flüchtlinge nach der Eroberung von Byzanz (29.5.1453) und Griechenland (ca. 1420-60) durch die Türken nach Italien gelangen. Kunst- und Lebensauffassung der Antike gelten den Humanisten als Vorbild. Die Reformation zerstört die Einheit des Glaubens. Neben der lateinischen Dichtung der Humanisten entwickelt sich in Deutschland ein reiches literarisches Leben. Durch den Buchdruck werden die literarischen Erzeugnisse rasch zum Gemeingut aller Gebildeten.
3. Weltverständnis
Renaissance, Humanismus und Reformation erwachsen aus der Sehnsucht des Menschen nach geistiger und religiöser Erneuerung. Sie greifen gleichermaßen auf die antiken Quellen zurück: Die Renaissance orientiert sich an der römischen Kunst, der Humanismus erweckt die antiken Philosophen, Historiker und Dichter zu neuem Leben, die Reformation macht die Bibelübersetzung nach dem griechischen und hebräischen Urtext verbindlich.
Martin Luther, 1483-1546
Luthers Sprache ist das Meißnische, das aus Dialekten der Siedler aus dem nieder-, mittel- und oberdeutschen Raum entstanden ist. Diese Sprachform erfüllt er mit dem Geist, dem Wortschatz, der Anschaulichkeit und Schlichtheit der Volkssprache und wird durch Bibelübersetzung und reformatorische Schriften („Von der Freiheit eines Christenmenschen“ u.a.) zum Wegbereiter der neuhochdeutschen Schriftsprache. Er prägt viele neue Wörter und Begriffe (z.B. Feuereifer, Lückenbüßer, Mördergrube), Redensarten (z.B. das tägliche Brot), bildhafte Gleichnisse (z.B. seine Hände in Unschuld waschen) sowie eine Fülle von Sprichwörtern (u.a. Unrecht Gut gedeihet nicht) und geflügelten Worten.
Luther gilt als der Schöpfer des evangelischen Kirchenlieds, das die aktive Beteiligung der Gemeinde am Gottesdienst ermöglicht. Als Nachdichtungen lateinischer Hymnen („Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“), angeregt durch Psalmen („Aus tiefer Not schrei ich zu dir“, „Ein feste Burg ist unser Gott“) oder in volksliedhafter Form („Vom Himmel hoch, da komm ich her“) dichtet er 41 Lieder.
4. Textformen und Gattungen
Die Literatur des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit ist fast ausschließlich eine Literatur des Stadtbürgertums. Die Bürger, die durch Handel und Gewerbefleiß wohlhabend werden und innerhalb ihrer mauerbewehrten Städte gotische Dome und Rathäuser bauen, drängen auch in der Literatur nach eigenen Ausdrucksformen. Die Unsicherheit des Lebensgefühls dieser Epoche spiegelt sich in einer Vielfalt der Literaturgattungen. Minnesang und höfische Spruchdichtung finden im zunftmäßig organisierten Meistersang zünftiger Handwerker ihre Nachahmung. Aus den Ritterepen entwickeln sich die Volksbücher, d.h. unterhaltende Prosaerzählungen. Schwanksammlungen und Fastnachtsspiele dienen ebenfalls der Unterhaltung. Eine reichhaltige satirische Literatur geißelt die Missstände der Zeit und die Torheit der Menschen.
Meistersang
Der Meistersang, die Kunstform städtischer Zunfthandwerker, hat seinen Ursprung in den kirchlich organisierten Singbruderschaften, die bei Prozessionen und Feiern auftraten und jährlich zweimal Wettsingen in der Kirche veranstalteten. Die Fahrenden vermittelten ihnen die Kenntnis der Formen höfischer Lyrik. Die Zurückführung des Meistersangs auf die 12 alten Meister (Reinmar, Walther, Wolfram usw.) ist spätere Erfindung. Seine Blüte erlebt der Meistersang um 1500 in Nürnberg.
Der Meistersang ist eine handwerklich-pedantische Kunstform nach äußeren schulmäßigen Regeln, der Ursprünglichkeit und Natürlichkeit fehlen. Inhaltlich herrscht trockene Lehrhaftigkeit vor.
Satire und Narrenliteratur
Sebastian Brant führt 1494 in seinem „Narrenschiff“ 112 Narrentypen (Bücher-, Buhl-, Kleider-, Spiel- und Habsuchtsnarren usw.) vor, die auf einem Schiff nach Narragonien segeln. Indem er das menschliche Leben als eine gedankenlose Schiffsreise mit ungewissem Ausgang darstellt, will er seinen Mitmenschen in einem moral-satirischen Weltspiegel alle Gebrechen, Fehler und Sünden unter dem einheitlichen Begriff der Narrheit vor Augen stellen. Dabei sind Zeitkritik und Sündenschelte oft untrennbar miteinander verbunden. Durch die Personifizierung der Laster und durch eindrucksvolle Holzschnitte wird große Anschaulichkeit erreicht. Das Werk begründet die so genannte Narrenliteratur mit eigenen Themen und Motiven, die zwei Jahrhunderte blüht. Von seinen Zeitgenossen wird Brant neben Homer, Dante und Petrarca gestellt.
Volksbuch und Volkslied
Im Sturm und Drang und in der Romantik entwickelt sich die Auffassung vom dichtenden Volksgeist, der sich im Volksbuch, Volkslied, Volksmärchen usw. manifestiere (daher der Name „Volks…“). Heute nehmen wir an, dass auch Volkslieder und Volksbücher auf einzelne Verfasser zurückgehen.
Die Quellen der Volksbücher sind hochmittelalterliche Epen, französische Chansons de geste, französische Liebesnovellen, lateinische Heiligenlegenden, antike Sagen und Tierdichtungen. Auch zeitgenössische oder historische Persönlichkeiten wie Till Eulenspiegel („Das Volksbuch vom Eulenspiegel“, 1515) und Dr. Faust („Historia von D. Johann Fausten“, 1587) können im Mittelpunkt stehen. Schwänke oder Magier- und Sagenmotive werden auf sie übertragen.
Quellen:
www.landesausstellung.at
www.pohlw.de